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Literarisches Spazieren nach oder mit Robert Walser?

Spielt es eine Rolle, ob wir in einem Projekt eine Stadt flanierend promenadologisch erschliessen und dann literarisch erfassen oder in einem LehrstĂŒck auf den Spuren des grossen SpaziergĂ€ngers Robert Walser (1878-1956) literarisch spazieren gehen? Zwei Dozenten haben es mit Studierenden in Bern versucht – und die Resultate waren recht unterschiedlich. Das LehrstĂŒck erschloss mit seiner Fokussierung auf den exemplarischen Text „Der Spaziergang“ von Walser zwangslĂ€ufig historische, psychologische und poetologische Dimensionen.

Die Textsammlung des Projekts „Praktische Psychogeografie oder wie können wir uns in Bern verlaufen?“ ist 2015 unter dem Titel „Bernbuch“ erschienen (vgl. Randpalte). Dieses Buch versammelt rund 40 Kurztexte von 20 AutorInnen, und ihr gemeinsames Thema ist die Stadt Bern, „betreten, besichtigt, bewundert und dann beschrieben“, so der Berliner Schriftsteller David Wagner im Vorwort. Auf ihn geht das originelle Projekt denn auch zurĂŒck: Eingeladen als erster Gastdozent der neu geschaffenen „Friedrich-DĂŒrrenmatt-Professur fĂŒr Weltliteratur“ an der Univer-sitĂ€t Bern, bot Wagner 2014 ein praktisch ausgerichtetes Seminar in „Spaziergangswissenschaft“ an. Frei nach Robert Walser sollten die Studierenden achtsam die Stadt Bern begehen und ihre StreifzĂŒge anschliessend zu Papier bringen. David Wagner war dafĂŒr ein geeigneter Motivator; ein Teil seines Oeuvres sind BĂŒcher ĂŒber Berlin, das er ab 1995 mehrmals als Flaneur in der Nachfolge Walsers durchstreift und literarisch festgehalten hat. Bei seinen Vergleichen schĂ€rfte sich dem Stadtwanderer natĂŒrlich der historische Blick; Wagner dokumentiert so vor allem die rasante VerĂ€nderung der (neuen) deutschen Hauptstadt.

Dieser historische Aspekt ist eher selten im „Bernbuch“; hier schreiben ja auch jĂŒngere Leute und die meisten sind nur fĂŒrs Studium und erst wenige Jahre in Bern. Ausserdem waren die SpazierauftrĂ€ge fĂŒr die Studierenden spezifischer: Einmal waren VertikalspaziergĂ€nge gefragt, die mit Höhenun-terschieden zu tun haben, einmal LinienspaziergĂ€nge entlang einer Bus- oder Tramlinie, einmal GedankenspaziergĂ€nge in einem eher fiktiven Raum. Oder im Genre „Webcam“ ging es darum, so zu beobachten, wie eine solche Kamera ihre Umgebung registriert. Die Stadt neu zu sehen und eine Sprache fĂŒr das zu finden, was die Spazierenden umgibt – so beschrieb der Dozent das Ziel der Übungen. Die Ahnenreihe der Promenadologen setzte im Seminar zwar beim Schweizer Robert Walser ein, fĂŒhrte aber weiter ĂŒber den Deutschen Franz Hessel, der 1929 in Berlin spaziert ist, und den Franzosen und Lettrist Guy Debord, der den Begriff der Psychogeographie geprĂ€gt hat, bis zum zeitgenössischen Norweger Tomas Espedal, der das Gehen als Lebenskunst betreibt.

Walser im Projekt marginal, im LehrstĂŒck zentral

Walser spielte in David Wagners Projekt keine besondere Rolle. Im Klappentext des „Bernbuchs“ fĂ€llt sein Name als Spurenleger und Projektanreger, aber in der Geschichtensammlung der Studierenden kommt er gerade nur einmal in zwei kurzen SĂ€tzen vor, wobei der Text dann assoziativ gleich zum nĂ€chsten „Robert“ hĂŒpft: Robert Musil. Die Ausrichtung an literarischen Vorbildern oder die Berufung auf literarische Vor-GĂ€nger (im wörtlichen Sinn) schien im Projekt von David Wagner nicht vorgesehen. Vielmehr prĂ€gten es verschiedene theoretische AnsĂ€tze, die praktischen Übungen waren auf die Begehung einer Stadt fokussiert und die Ernte prĂ€sentiert sich denn auch als ein alternativer StadtfĂŒhrer, eben als Bernbuch.

Anders im LehrstĂŒck: Da gab es nur einen Ansatz, nĂ€mlich die Ausrichtung an der Poetik von Walsers ErzĂ€hler-Ich im exemplarischen ProsastĂŒck „Der Spaziergang“, die praktischen Übungen betrafen das literarische Spazieren selbst – wo, spielte keine Rolle – und die Ernte bestand aus einem persönlichen Portfolio mit dem Recherche-Material, mit den eigenen Spaziergang-Texten in verschiedenen Bearbeitungsstadien sowie den Reflexionen dazu (vgl. die Materialsammlung hier). Literarisches Spazierengehen ist also nicht einerlei Unterricht. Wo das Projekt mit dem Auftrag, sich in einer Stadt zu verlaufen, in die Breite geht, geht das LehrstĂŒck durch ein Reenactment von Walsers Literaturproduktion in die Tiefe, um damit erst die Breite zu gewinnen. Was heisst das?

Lernen als Geneseforschung am historischen Vorbild Walser

Der Auftrag an die Studierenden im Walser-LehrstĂŒck heisst zunĂ€chst: Macht’s ihm nach! Wenn Walser im „Spaziergang“ sein ErzĂ€hler-Ich einen Spaziergang (durch ein fiktives Biel) machen und diesen nachher auf Papier wiederholen lĂ€sst, so nennt das LehrstĂŒck diese Art, Literatur zu machen, das „Walsern“. Walsern ist zunĂ€chst das Spazieren eines mit wachen Sinnen begabten Ichs durch die Wirklichkeit und dessen Verwandlung in einen Spaziergang ĂŒbers Papier nach der RĂŒckkehr. Dieses Walsern scheint nicht schwer zu sein; also wird es gleich zu Beginn ausprobiert. Und bereits hier sind im LehrstĂŒck drei entscheidende Unterschiede zum Projekt auszumachen: Wir folgen dem historischen Walser-Spaziergangtext von 1917/1920 und damit sofort dieser historischen, aber schillernd kĂŒnstlichen Figur Robert Walser, einer KĂŒnstlerikone der literarischen Moderne. Zweitens geht der Spazier-Auftrag immer an alle – auch die Dozenten sind immer wieder Lernende. Drittens gebrauchen wir wie Walser das ErzĂ€hler-Ich, machen und schreiben also unseren je eigenen literarischen Spaziergang und schliessen so von Beginn weg die Individualgenese (unser heutiges Walsern) mit der Kulturgenese (Walsers Literaturmachen) kurz.

Und dies ist erst der Anfang des entdeckenden Lernens am exemplarischen Gegenstand von Robert Walsers Werk. Mit der Vertiefung in Walsers Spaziergang-Text, in seine Poetik, seine Struktur, seine EntstehungsumstĂ€nde, die natĂŒrlich sofort zur Person Robert Walser fĂŒhren, beim Nachvollzug von Walsers Spaziergang womöglich vor Ort in Biel oder an anderen „Walser“-Orten betreiben wir fortan im LehrstĂŒck genetische Forschung, aber nicht in analytischer Distanz, sondern immer im Hinblick auf unser eigenes Walsern. Das heisst auf die Optimierung unserer Spaziergang-Texte hinsichtlich ihrer Dramaturgie, ihrer lyrischen QualitĂ€t, ihrer Ich-Entfaltung und -Problematisierung. Nach einer solchen „Tiefenbohrung“ sind wir gewappnet, in die Breite zu gehen und zu begreifen, weshalb weltweit so viele Schreibende und andere Kunstschaffende in der Nachfolge Walsers arbeiten und was auch die spĂ€teren PromenadologInnen ihm verdanken.

Bern flanierend erkunden oder spazieren mit Robert Walser?

Bern flanierend erkunden oder spazieren mit Robert Walser?

Der Didaktiker Theodor Schulze hat einmal versucht, die Hauptunterschiede zwischen einem Unterricht als Projekt und als LehrstĂŒck herauszuarbeiten. Im Vollzug des Unterrichts sei bestimmend, ob es um die Lösung eines Problems gehe (Projekt) oder um die Nachinszenierung einer Problemlösung (LehrstĂŒck). Beides trifft hier zu: Im Projekt „Praktische Psychogeographie“ wurde das Problem, eine Stadt neu zu sehen und eine Sprache fĂŒr das zu finden, was die Spazierenden umgibt, gelöst, im LehrstĂŒck „Spaziergang mit Robert Walser“ wurde Walsers Lösung, literarisch spazieren zu gehen (und damit die Promenadologie zu „erfinden“), nachvollzogen.

Stephan Schmidlin

Literaturangabe

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Bernbuch, hrsg. von David Wagner, Johannes Brunnschweiler, Martina Frnka, Luc Oggier, Delia Imboden. Berlin: Verbrecher 2015
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LehrstĂŒck „Spaziergang mit Robert Walser“